Die Toga sitzt perfekt!

Der Geruch von nassem keltischen Torf und südländischer Zitronenluft: Ein Anno, wie ich es immer wollte. Wenn es eine Spielereihe gibt, die uns alle – die Genießer unter den Strategen – über Jahre hinweg in ihren Bann zieht, dann ist es Anno. Die Stunden, die wir in den unendlichen Produktionskreisläufen von Anno 1800 versenkt haben, während draußen die Welt an uns vorbeizog, sind Gold wert. Nur wenige Bau- und Wirtschafts-Simulationen schaffen diese einzigartige Atmosphäre von Gemütlichkeit und gleichzeitig anspruchsvoller Komplexität.

Als Ubisoft Mainz den Vorhang lüftete und uns zurück in die ferne Antike holte, genauer gesagt ins Jahr 117 n. Chr., in die Zeit der Pax Romana, war die Aufregung immens. Der Sprung vom pulsierenden Industriezeitalter zurück zum Glanz des Römischen Imperiums – könnte das funktionieren? Vorweg sei gesagt: Anno 117: Pax Romana ist mehr als nur ein Römischer Skin für seinen brillanten Vorgänger. Es ist eine Verbeugung vor den Serientugenden und gleichzeitig eine mutige, elegante Weiterentwicklung.

Nimm Dir einen Moment Zeit, hole Dir einen Tee oder Kaffee. Denn dieses Abenteuer wird Dich nicht so schnell wieder loslassen.

Der Launch-Trailer zu Anno 117: Pax Romana:

Das Gold des Imperiums: Latium, Albion und die Sehnsucht nach Rom

Das Setting ist atemberaubend und sofort spürbar. Du schlüpfst in die Rolle eines Statthalters – eines römischen Gouverneurs -, der die Aufgabe hat, dem Kaiserreich neue, florierende Provinzen einzuverleiben. Das Spiel konfrontiert Dich direkt mit einer fundamentalen Entscheidung: Wirst Du loyal bis zum Letzten sein oder den Weg der Autonomie gehen?

Die Wahl der Startregion ist dabei nicht nur kosmetischer Natur, sondern prägt das gesamte Spielgefühl von Grund auf. Du beginnst entweder im sonnigen Latium, dem fruchtbaren Kernland Italiens. Hier ist die Welt noch in Ordnung, die Felder geben reichlich Ertrag, und das Bauen fühlt sich vertraut, beinahe paradiesisch an. Oder aber, Du wagst Dich in das wilde, unbekannte Albion, die keltischen Sumpfgebiete des heutigen Großbritanniens.

Albion ist karg, rau und stellt Dich vor deutlich zähere logistische und kulturelle Herausforderungen. Die Atmosphäre ist hier dichter, mysteriöser, mit seinen Nebelschwaden und dem Gefühl, am äußeren Rand der Zivilisation zu wirken. Dieses kontrastreiche Duo aus mediterraner Leichtigkeit und nördlicher Melancholie ist ein Geniestreich. Es erlaubt uns Gelegenheitsbauern, im gemütlichen Latium in das Spiel zu finden, während die Profis direkt in Albions morastiger Wildnis versinken können. Es fühlt sich unglaublich befriedigend an, eine belebte römische Stadt auf einem Fleck Land zu errichten, der eigentlich gar nicht zivilisiert sein will.

Die Essenz des Aufbaus: Wenn aus Holz mehr wird

Das Herzstück eines jeden Anno sind die umfangreichen Produktionsketten, und in diesem Punkt liefert Anno 117 genau das, was wir lieben, nur in neuem, antikem Gewand. Wir beginnen bescheiden mit den Liberti (den Freigelassenen), die einfache Grundbedürfnisse haben: ein Dach über dem Kopf, Holz für Bauarbeiten und natürlich Fisch als erste Nahrung.

Doch dieser einfache Start täuscht nicht über die Komplexität hinweg, die sich Schicht um Schicht aufbaut. Bevor Du Dich versiehst, bist Du auf der Suche nach den seltensten Gütern, um die hochmütigen Patrizier zufriedenzustellen. Aus Hafer wird Mehl, aus Mehl wird Brot, und dann kommt die Kette für die Kleidung, die Seifenproduktion – alles, was das römische Herz begehrt.

Die Logistik ist dabei wieder einmal der heimliche Protagonist. Kurze Wege zwischen dem Feld, der Mühle und der Bäckerei sind entscheidend. Und dieses wohlig-vertraute Gefühl, wenn Du nach einer Stunde Tüftelei siehst, wie die Karren endlich reibungslos rollen und die Bevölkerungsleiste auf die nächste Stufe springt – unbezahlbar! Genau hier greift das entspannte Anno-Gefühl wieder: Es geht nicht darum, der Schnellste zu sein, sondern darum, das perfekte, sich selbst nährende Ökosystem zu erschaffen. Das Entdecken der optimalen Layouts, das langsame Hineinfühlen in die Bedürfnisse der Bürger – das ist die meditative Qualität, die wir so sehr vermisst haben.

Die Eleganz der Linien: Freiheit und Ästhetik im Städtebau

Wenn Du, wie ich, in Anno 1800 oft frustriert warst, weil die Straßen und Gebäude in ihrem starren Raster einfach nicht so wollten, wie Du es Dir in Deinem Kopf ausgemalt hattest, dann kommt hier die Erlösung.

Eine der schönsten Neuerungen in Anno 117 ist die unglaubliche Freiheit beim Bauen. Wir können unsere Gebäude nun diagonal platzieren, und auch die Straßenführung erlaubt deutlich geschwungenere, natürlichere Linien. Deine Städte wirken dadurch organischer, weniger wie ein preußisches Schachbrettmuster und mehr wie eine gewachsene, antike Metropole. Das ist ein Segen für alle Schönbauer! Endlich können wir geschmeidige Kurven um einen zentralen Platz ziehen und unser Stadtbild elegant an die Topographie der Insel anpassen.

Diese ästhetische Freiheit wird ergänzt durch die Notwendigkeit der Zonenplanung. Bestimmte Produktionsstätten, wie Gerbereien oder Bergwerke, erzeugen Geruch, Lärm und Brandgefahr. Das zwingt Dich, die Industrie klug von den Wohngebieten abzutrennen, um die Stimmung Deiner Bürger nicht zu gefährden. Es ist ein faszinierendes Mikromanagement, das uns das Bauen als echtes Handwerk begreifen lässt. Und wenn Du dann die prächtige Villa des Praetors im Zentrum Deiner sorgfältig geplanten Siedlung errichtest, die das Ansehen der Umgebung in die Höhe treibt, dann spürst Du, wie Dein Vermächtnis in Stein gemeißelt wird.

Das diplomatische Parkett: Handel, See und die Kosten des Friedens

Obwohl meine wahre Leidenschaft dem Endlosbau gilt, kommt kein Anno ohne die Interaktion mit der Außenwelt aus. Anno 117 führt uns hier in bekannte, aber verfeinerte Gewässer. Der Handel zwischen den Provinzen ist wieder das A und O. Du wirst Waren aus dem sonnigen Latium nach Albion verschiffen müssen, um dort die Bedürfnisse der höheren Stufen zu befriedigen. Das Handelssystem ist anfangs ein wenig fummelig einzustellen, aber einmal optimiert, läuft es wie ein geöltes römisches Uhrwerk und erlaubt Dir, Dich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: das Bauen.

Auch die Konflikte kehren zurück, wenngleich sie nicht im Vordergrund stehen müssen. Du kannst Dich wieder auf Landkämpfe einstellen, die es in 1800 nicht gab. Doch die gute Nachricht ist: Du kannst Kriege oft auch durch geschickte Diplomatie abwenden. Wer möchte schon eine wertvolle Stunde Bauzeit opfern, um Truppen auszuheben, wenn man den Frieden auch erkaufen oder verhandeln kann? Wer aber die militärische Schiene fahren will, bekommt Seegefechte mit individualisierbaren Schiffen (Segel, Ruder, Katapulte – alles dabei). Am Ende entscheidest Du, ob Du mit wirtschaftlicher Macht oder militärischer Dominanz regierst.

Der Endlos-Traum: Die perfekte Tasse für den Baumeister

Für mich, und ich weiß, für viele da draußen auch, ist der Endlosspielmodus der wahre Champagner in Anno. Und genau hier spielt Anno 117 seine Stärken voll aus. Das Spiel bietet unglaubliche Anpassungsmöglichkeiten, die es Dir erlauben, Deine ganz persönliche Sandbox-Erfahrung zu schneidern.

Du willst einfach nur groß und schön bauen, ohne Dich um leere Kassen sorgen zu müssen? Kein Problem! Du kannst die Startressourcen auf „Reichlich im Überfluss“ stellen. Du willst eine gemütliche, ungestörte Bau-Session? Reduziere die Häufigkeit der Zwischenfälle (Brände, Aufstände, Krankheiten) auf ein Minimum. Oder willst Du den Forschergeist in Dir befriedigen, aber nicht hetzen? Passe die Forschungsgeschwindigkeit an.

Was ich besonders liebe: Im Gegensatz zu den Vorgängern kannst Du NPC-Mitspieler nun auch während einer laufenden Partie hinzufügen. Das bedeutet, Du musst Dich nicht zu Beginn festlegen, sondern kannst später noch Handelspartner oder Rivalen ins Spiel holen, wenn Du bereit bist. Es ist diese totale Kontrolle über das Spieltempo und die Herausforderung, die Anno 117 zum idealen, entspannten Spiel für stundenlange Flow-Zustände macht. Eine Tasse Tee, ein ruhiger Nachmittag, und Du bist weg – im Römischen Reich, auf dem Weg zum perfekten Aquädukt-Verlauf.

Schatten im Triumphzug: Hardware und das „Könnte“

Bei all dem Glanz müssen wir als präzise Redakteure natürlich auch die römische Münze umdrehen. Anno 117 ist grafisch überwältigend und die Detailverliebtheit kostet ihren Preis. Du benötigst stolze 117 GB Speicherplatz – auf einer SSD, das betonen die Entwickler zu Recht, um die riesigen Städte und die komplexen Simulationen flüssig zu halten.

Obwohl das Spiel im Allgemeinen hervorragend läuft, zeigen erste Berichte von Spielern, dass die Optimierung noch nicht perfekt ist. Bei maximaler Detailstufe oder sehr großen, belebten Städten kann es zu Leistungsschwankungen kommen. Vor allem das Ultra-High-Preset treibt selbst die besten Grafikkarten in die Knie. Hier muss Ubisoft noch ein wenig nachpolieren, damit die Performance konstant bleibt, wenn man tief in die Details der Stadt zoomt. Gerade im späteren Spielverlauf nehmen die Städte wieder einmal irre Dimensionen ein – da muss alles passen! Auch kleinere Probleme im Multiplayer-Modus, wie Desyncs, wurden vereinzelt gemeldet.

Diese technischen Schönheitsfehler sind aber eher ein „noch nicht“ als ein „nie“. Das Fundament des Spiels ist so robust und so liebevoll gestaltet, dass man diese Anlaufschwierigkeiten schnell verzeiht. Wie ein bekannter Kollege es formulierte: Es könnte tatsächlich das beste Anno aller Zeiten werden, mit Betonung auf werden. Und man sieht ja an Anno 1800, wie lange Ubisoft hier noch Updates und Erweiterungen nachgeliefert hat.

Mein Fazit: Willkommen zu Hause, Statthalter

Anno 117: Pax Romana ist ein Triumphzug für jeden Fan der Reihe. Es verbindet die tiefgründige Komplexität der Warenketten, die wir seit jeher schätzen, mit einer nie dagewesenen Freiheit und Eleganz im Städtebau. Das Setting ist nicht nur eine hübsche Kulisse; es prägt das Spielgefühl und die Entscheidungsebenen auf faszinierende Weise.

Wer wie Du und ich das Endlosspiel liebt, wer das Bauen als einen meditativen Prozess begreift und gerne bei einem warmen Getränk eine Zivilisation aus dem Nichts erschafft, der wird hier auf seine Kosten kommen. Es ist die perfekte Mischung aus Herausforderung und Entspannung. Wir werden uns wieder dabei ertappen, wie wir um vier Uhr morgens noch „nur mal schnell“ die Aquädukte optimieren wollen.

Zieh Deine Toga an, Statthalter. Rom ruft, und es hat ein wunderschönes, aufgeräumtes Bauraster für Dich vorbereitet.

Noch mehr Content? Klar!

Im Laufe der Jahre kommt da einiges zusammen – vielleicht ist auch für dich noch mehr dabei?